Mobilitäts-Gruppe

„was-wäre-wenn-gedachtes Impulsbild“ 

Mobilität im Landkreis Sigmaringen

Gruppe nimmt den Verkehr in der Stadt unter die Lupe

Der Fokus der von FairWandel angestoßenen Initiative liegt auf ÖPNV, Radverkehr und Schulwegsicherheit

Menschen, die sich für den öffentlichen Nahverkehr in Sigmaringen und den Ortsteilen sowie den Radverkehr im Stadtgebiet interessieren oder sich für die Idee eines Carsharing-Angebots begeistern können, sind eingeladen, sich der vom Verein FairWandel SIG initiierten Mobilitätsgruppe anzuschließen. Das nächste Treffen findet am Mittwoch, 5. Juni, um 19 Uhr im Alten Schlachthof in Sigmaringen statt.

Wie soll der Verkehr in der Stadt in Zukunft aussehen? Wer nicht nur auf E-Mobilität setzen möchte und anerkennt, dass das Auto auch im ländlichen Raum einmal eine weniger wichtige Rolle spielen wird, muss sich mit dem sinnvollen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, On-Demand-Angeboten, Car-Sharing und durchgehenden und sicheren Radwegen für alle Altersgruppen beschäftigen.

„Während in Nachbarstädten wie etwa Mengen in Mobilitäts- und Radwegekonzepte investiert wird und auch die Absicht besteht, diese umzusetzen, wird in Sigmaringen durch das abgelehnte Mobilitätskonzept stückhaft verbessert ohne eine weiterführende Sicht auf eine zukunftsfähige Mobilität für Fußgänger, Radfahrer, ÖPNV-Nutzer und Autofahrer“, ergab die Diskussion in der Gruppe. „Deshalb möchten wir mit unserer Mobilitätsgruppe eine Plattform schaffen, auf der man sich über genau diese Themen austauschen kann, und die Ideen und Forderungen auch in die Öffentlichkeit trägt.“ Dabei legen die Mitglieder der Gruppe Wert auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. 

Bei einem Treffen Mitte Mai definierten die Anwesenden als Ziele ihres Engagements unter anderem, die Umsetzung des kürzlich beschlossenen Nahverkehrsplans im Blick zu behalten. Vor allem die Einführung von On-Demand-Angebote für Busse seien für die Anbindung der Ortsteile wie etwa Gutenstein von wesentlicher Bedeutung.

Außerdem möchte die Gruppe gern eine Bestandsaufnahme machen, wie es um die Radverkehrswege im Stadtgebiet bestellt ist und dabei Gefahrenstellen dokumentieren und Ausbaubedarf definieren. 

Ein Fokus soll auch auf die Schulwegsicherheit gelegt werden. Wo kann nachgebessert werden, wo ist vor lauter Elterntaxis kein Durchkommen? Hier kann sich die Gruppe auch gezielte Aktionen zur Sensibilisierung der Autofahrer vorstellen.

Was schon feststeht: Zur Europäischen Mobilitätswoche vom 16. bis 21. September will sich die Gruppe einbringen. Am 19. September wird in Gutenstein der Blick in Nachbarlandkreise, in denen in Sachen Schienenverkehr einiges anders läuft als hier, geworfen. Referenten sind eingeladen, ihre Erfahrungen zu erläutern. Nähere Informationen werden rechtzeitig vor der Veranstaltung bekannt gegeben.

Im August und September soll es außerdem drei Mobilitätsstammtische zu verschiedenen Themen im Sigmaringer Donauhäusle geben, zu denen separat eingeladen wird.

Rückblick

Vortrag: Die neue Fahrradkultur am Beispiel der Niederlande

Umweltfreundliche Mobilität mit dem Rad: Umparken im Kopf erforderlich

Bei seinem Vortrag am 26. April 2024 ´ Die neue Fahrradkultur am Beispiel der Niederlande ´ machte Referent Thomas Gotthardt vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub Göppingen am Beispiel unseres Nachbarlandes deutlich, mit welchen Maßnahmen wir die Situation für Radfahrende auch hierzulande erheblich verbessern können. Ein Umparken im Kopf Richtung umwelt-freundliche Mobilität sei notwendig. 

Zunächst ging Herr Gotthardt auf die Motivation von Fahrradfahrenden ein. Während in Deutschland häufig Umweltfreundlichkeit, gesundheitliche und preisliche Aspekte als Hauptgründe genannt würden, gäben Radfahrer in dänischen und niederländischen Städten an, Radfahren sei schneller, einfacher und bequemer. Eine Typologie der Radfahrenden besage, dass nur ca.6 % aus Begeisterung und Überzeugung zum Rad griffen, ca. 60 % seien interessiert, aber besorgt, für 33 % käme Radfahren auf keinen Fall in Frage. Es gelte, die 60% für eine regelmäßige Radnutzung zu gewinnen. Aufgabe sei es, eine der jeweiligen Stadt angepasste Vision für einen Radverkehrsanteil von bis zu 60% zu entwickeln. Vision auch deshalb, weil Städte wie Amsterdam in den 1970er Jahren noch im Autoverkehr erstickt seien, aber heute dieses Ziel weitgehend erreicht hätten. Ein guter Gradmesser sei die Zahl der Radabstellplätze an Bahnhöfen. 2019 habe es am Hauptbahnhof Amsterdam ca. 25000 Radabstellplätze gegeben, am Stuttgarter Hauptbahnhof ca. 100.

Eine moderne Mobilitätsplanung kümmere sich zuerst um Wege für den Fußverkehr, dann den Radverkehr und zuletzt für den Autoverkehr. Ideal seien getrennte Bereiche zur Erhöhung der Sicherheit. Radwege seien rot einzufärben und dürften nicht direkt an parkenden Autos vorbeiführen. Hier bestehe Gefahr beim plötzlichen Öffnen von Türen ( Dooring ). Besondere Aufmerksamkeit müsse Kreuzungsbereichen gewidmet werden. Kreisverkehre seien 5x sicherer als Kreuzungen, Bordsteinkannten seien abzusenken.

Ein heißes Eisen griff der Referent beim Thema Parken in Innenstädten auf. Er vertrat die Ansicht, dass der Handel die Bedeutung von Parkplätzen oft überschätze. Er gestand ein, dass Onlinehandel und Verbraucherparks auf der grünen Wiese Einzelhändlern Probleme bereiteten. Mit Hinblick auf das heutige Shoppen, das oft auch Freunde treffen, Kaffee trinken und Essen gehen impliziere, müssten der Einzelhandel und Innenstädte an ihrer Attraktivität und Aufenthaltsqualität arbeiten. Die Nutzung des Stadtraums als Parkplatz sei ein fundamentales Missverständnis. 

Eine Arbeitsgruppe bei FairWandel Sigmaringen möchte Schritte zur Fahrradstadt Sigmaringen voranbringen.

Gerhard Stumpp, BUND Sigmaringen